Om Shanti Om (2007)

Nach dem strengen Schwarzweiß von Howrah Bridge verkörpert Om Shanti Om in bester Weise das farbenfrohe, gefühlvolle, verspielte Bollywood – nicht zuletzt mit fantastischen Musiknummern. Eine von ihnen, „Dhoom Taana“, werde ich mir heute genauer ansehen.

Meine Empfehlung: Diesen Clip einmal einfach so angucken und genießen. Und dann weiterlesen, denn wie die erste Hälfte des Films ist auch diese Nummer eine einzige Hommage an das Bollywoodkino der 60er/70er Jahre. Und weil Youtube  wieder nur einen Klick entfernt ist, hier eine kleine Liste der Referenzen, die zeigen, wie man sich intelligent selbst beklaut.

Zuvor noch eine Mini-Synopsis: „Junior Artist“ (Komparse) Om (gespielt von Shah Rukh Khan) verliebt sich in Filmstar Shantipriya (Deepika Padukone), ohne zu wissen, dass sie heimlich mit ihrem Produzenten  verheiratet ist. Als der sie umbringt, wird auch Om ermordet. Er wird aber wiedergeboren und rächt als Filmstar Om Kapoor dreißig Jahre später den feigen Mord.

Klingt nach finsterem Thriller, aber wie so oft geben sich hier Drama, Thriller und Komödie unbeschwert die Klinke in die Hand.  Zum Beispiel ist Om so verliebt in Shanti, dass er sich bei der Premiere ihres neuen Films „Dreamy Girl“ ständig anstelle der Filmhelden in die Tanznummer hineinträumt. Der Clou ist: Die Filmhelden sind tatsächliche alte Bollywood-Stars, die  qua Tricktechnik in den Film hineingebastelt wurden.

Als Erster von ihnen taucht Sunil Dutt (mehrmals ab 0:24) auf. Er ist keiner meiner persönlichen Lieblinge, aber zwei Filme mit ihm kann ich empfehlen: In einem der berühmtesten Streifen der Fünfziger, Mother India, spielt er den rebellischen Sohn (er heiratete wenig später die Hauptdarstellerin Nargis, die im Film seine Mutter spielt). Das totale Gegenteil ist seine Rolle in Padosan (1968),  als wahrhaft tumber Tor, der sich in die schöne Nachbarin verguckt und alle Hilfe seiner Freunde braucht, um sie zu erobern.

In Amrapali gibt er den Macker im historischen Kostüm, nach den wenigen Ausschnitten, die ich gesehen habe, ist das kein Film, den man unbedingt sehen muss – also nur was für überzeugte Bollywood-Afficionados.

Ab der zweiten Minute taucht dann ein Herr im glänzenden Jacket auf, der die Trommel schlägt. Das ist der Superstar der frühen Siebziger, Rajesh Khanna, der von 1969-71 eine bis heute ungeschlagene Serie von 17 Hitfilmen hinlegte (also 17 Filme, die Gewinn einspielten). Aus dieser Serie stammt Sachaa Jhutha von 1970 (Wahrheit oder Lüge). Khanna spielt eine Doppelrolle, einen Musiker und einen Gangster, der seinen Doppelgänger für seine Schandtaten missbraucht, die wunderbar propere Mumtaz (sprich: Mum-taas mit weichem S) schwingt die Hüften für die Sache der Polizei.

Aber halt, da war noch was: Am Anfang dieses Abschnitts sieht man Deepika Padukone in einem goldenen Käfig tanzen, und dabei klingeln für den Fan alter Hindi-Filme sofort alle Glocken. Denn schon 1971 tanzte eine Dame im goldenen Käfig, und natürlich war es niemand anderes als Bolly-Vamp Nr. 1 Helen. Für Piya Tu Ab To Aaja (Geliebter, komm endlich) gab sie alles, liebkoste Flaschen mit Hochprozentigem und riss sich an passender Stelle das flammendrote Kleid vom Leibe. Asha Bhosle gewann für das Playback den Filmfare Award, den indischen Oscar, und niemand anders als Komponist R.D. Burman meldete sich mit Reibeisenstimme als verspäteter Liebhaber: „Monica, oh my darling!“

Das Ganze darf quasi als Schulbeispiel für eine item number gelten, also eine Tanznummer, die nichts mit dem eigentlichen Plot des Films zu tun hat, im Falle von Helen aber häufig genug der einzige Grund war, sich einen Film überhaupt anzusehen. Sehenswert auch der „smirky“ Gesichtsausdruck des Barkeepers, bevor er das Licht ausmacht und die Liebenden zu Boden sinken – die werden doch nichts Unanständiges vorhaben?

Kann man das toppen? Mit einer Tanznummer auf dem Badmintonplatz? Tanzen und an passender Stelle den Federball zurückschlagen? Nichts leichter als das. Ich möchte allerdings nicht bei den Dreharbeiten dabei gewesen sein, bei geschätzt fünftausend Versuchen, die Federbälle passend zu servieren. Natürlich hat auch diese ganz entzückende Sequenz ihr Vorbild, es ist der Film Humjoli von 1970 (den ich ebenfalls nicht gesehen habe), mit Jeetendra und Leena Chandavarkar als liebestolle Federballspieler.

Und zum Abschluss noch die Piratennummer. Hier wird ausnahmsweise mal was in Hollywood abgeschaut. Schriftsteller Arno Schmidt hat mal in ganz anderem Zusammenhang sinngemäß gesagt: „Wenn schlechte Leute was abgucken, ist es Klauen, wenn es gute Leute machen, wird daraus etwas ganz Neues.“ Er hat dabei sicher nicht an Bollywood gedacht, aber es passt.

The Pirate ist ein flottes Musical und quasi schon eine Parodie auf Piratenfilme, die im Englischen die wunderbar lautmalerische Genrebezeichnung swashbuckler tragen. Regie führte Vincente Minelli, die Musik stammt von Cole Porter.

Aber auch hier hat sich ein alter Bollywoodstar eingeschmuggelt, und auch wenn ich ihn nicht erkannt habe, es ist Jeetendra, der Herr vom Federballcourt.

So, das war schon ein rechter Parforceritt, aber ich bin mir fast sicher, dass es noch weitere Verweise gibt. Wer etwas weiß: bitte gern einen Kommentar schreiben.

Wer sich einen Überblick über die Verweislage bei Om Shanti Om verschaffen will, hier ein Link zum englischsprachigen The Bolly Blog, der nur noch ein Archiv ist und seit 2008 keine neuen Einträge zu verzeichnen hat. Für alle, die des Englischen mächtig sind und sich einen genaueren Einblick in die Bedeutung ausgewählter Bollywood-Songtexte verschaffen wollen, empfehle ich meinen Lieblingsblog mrandmrs55.

Dhoom Tana
Komponist: Vishal Shekar
Text: Javed Akthar
Sänger: Abhijeet, Shreya Goshal

Tadap Yeh Din Raat
Komponisten: Shankar – Jaikishan
Text: Shailendra
Sängerin: Lata Mangeshkar

Duniya Mein Pyar Ki
Komponisten: Kalyanji Anandji
Text: Gulshan Bawra
Sängerin: Asha Bhosle

Piya Tu Ab To Aaja
Komponist: R.D. Burman
Text: Majrooh Sultanpuri
Sänger: Asha Bhosle, R.D. Burman

Dhal Gaya Din Ho
Komponisten: Laxmikant Pyarelal
Text: Anand Bakshi
Sänger: Asha Bhosle, Mohammed Rafi

The Pirate
Komponist: Cole Porter
Text: Cole Porter
Sänger: Judy Garland, Gene Kelly

Saab Jaanu Re Tori Batiya
Komponist: Rakesh Roshan
Text: Majrooh Sultanpuri
Sängerin: Usha Mangeshkar

Credits der Songs nach: Hindigeetmala

Filme in der Internet Movie Database:
Om Shanti Om (2007)
Amrapali (1966)
Sachaa Jhutha (1970)
Caravan (1971)
Humjoli (1970)
The Pirate (1948)
Jay-Vijay (1977)

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Ein Gedanke zu “Om Shanti Om (2007)

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