Bollywood in Schwarzweiß

(Mohammed Rafi singt, Johnny Walker spielt in einem der schönsten Schwarzweiß-Filme aus Indien: Pyaasa [1957] von Guru Dutt)

Wer an Bollywood denkt, denkt an opulente Tanzszenen vor exotischen Kulissen, an kitschige Gesangsnummern und an Liebesgeschichten mit überlebensgroßen Gefühlen. Doch schon lange bevor Indiens Superstar Shah Rukh Khan mit Dackelblick die indischen Fräuleins becircte, gab es Bollywood-Filme. Ein Blick zurück auf die Geschichte des Kinos in Indien und sein „Goldenes Zeitalter“, die Fünfziger Jahre.

 

Sie trafen sich Mitte der Vierziger, weil sie für dasselbe Filmstudio arbei­teten: der Schauspieler Dev Anand mit der markanten Haartolle und der  Choreograph und Regieassistent Guru Dutt (sprich: Datt), beide Anfang Zwanzig. Sie freundeten sich an und träumten gemeinsam vom großen Durchbruch. Wer zuerst Erfolg habe, versprachen sie sich, werde dem Anderen helfen.

Fünf Jahre später war es so weit: Dev Anand war inzwischen zum Star aufgestiegen und produzierte seine Filme selbst. Er hielt Wort und gab Dutt die erste Chance, Regie zu führen. Baazi (1951, ‚Glücksspiel‘) wurde ein Erfolg und markierte den Start von Dutts Karriere als Regisseur.

(Guru Dutt inszeniert Dev Anand und Kalpana Kartik in  Baazi, 1951)

Anand und Dutt trafen sich in einer Phase des Aufbruchs, die zum „Golden Age“, zum goldenen Zeitalter des indischen Kinos in den Fünfzigern führte. In dieser Zeit formulierte Bollywood endgültig die Formeln für sein Main­stream-Kino, die im Kern noch heute gültig sind. Mit einem wichtigen Unterschied: Die Filme wurden damals aus Kostengründen fast ausschließlich in Schwarz-Weiß gedreht.

Doch das indische Kino hatte zu diesem Zeitpunkt bereits rund fünfzig Jahre Geschichte hinter sich. 1896 fand die erste Filmvorführung in Mumbai (damals: Bombay) statt. 1913 drehte Indiens Filmpionier D.G. Phalke den ersten Spielfilm, und 1931 kam der erste Tonfilm „Alam Ara“ (Licht der Welt) heraus, der bei einer Laufzeit von rund zwei Stunden bereits zehn Gesangsnummern enthielt. Der Tonfilm sprach nicht nur schlagartig ein breiteres Publikum an, sondern beendete auch die Domi­nanz ausländischer Filme, die bis dahin Indiens Leinwände beherrscht hatten. Es scheint, als ob das indische Kino mit dem Tonfilm die richtige Mischung traf, die an vorhandene Formen der Unterhaltung wie das Parsi Theater oder das nordindische Volkstheater Nautanki anzuknüpfte. Sie banden seit jeher Gesangsnummern in die Geschichte ein – oder setzten sie als auflockerndes Element ein.

Um am Erfolg des Tonfilms teilzuhaben, schossen Filmstudios nach amerikanischem Vorbild aus dem Boden. Für das berühmteste von ihnen, Bombay Talkies, drehte der Bayer Franz Osten 16 Filme, der zuvor in Deutschland Heimatromane von Ludwig Ganghofer auf die Leinwand gebracht hatte. Seine Karriere in Indien fand mit Beginn des Zweiten Weltkriegs ein abruptes Ende, als ihn die britische Kolonialregierung nach Deutschland zurückschickte – weil er 1937 in die NSDAP eingetreten war.

(Schicksalswürfel, Stummfilm von Franz Osten, 1929)

Sehr schnell mussten die Filmemacher erkennen, dass der Tonfilm neue Herausforderungen mit sich brachte. Nicht nur das aufwendige Equip­ment musste bewältigt werden. Viel schwerer wog die Frage, ob man sich für singende Schauspieler oder für schauspielende Sänger entscheiden sollte, denn anfangs wurden die Songs live mit den Bildern aufgenommen. Es ist leicht vorstellbar, zu welcher Tortur Dreharbeiten werden konnten, wenn die Schauspieler partout nicht die richtigen Töne trafen. Doch bald fand sich für dieses Problem eine Lösung: Playback-Gesang. Professionelle Sänger spielten die Titel ein, und die Schauspieler bewegten die Lippen dazu.

Das bescherte dem Kino neue Freiheiten: Die Schauspieler mussten nicht mehr singen können, die Filmsongs konnten ohne Rücksicht auf den Dreh instrumentiert und arrangiert werden – Voraussetzung für aufwendige Tanzszenen. Doch nach dem ersten Film mit Playback-Gesang im Jahr 1935 dauerte es noch rund zehn Jahre, bis sich die Gesangs-Talente etablierten, die das indische Kino von den Fünfzigern bis in die Siebziger dominieren sollten: Lata Mangeshkar, deren Stimme für westliche Ohren oft schrill klingt, sang die Liebesballaden der jungfräulichen Heldinnen, ihre jüngere Schwester Asha Bhosle übernahm die kesseren Nummern der Nachtclubsängerinnen und Vamps, die zum Standard jedes Films gehörten.

(Asha Bhosle singt, Helen tanzt, Jewel Thief, 1967)

Bei den Männern liehen entweder der melodiöse, lyrische Mukesh den Stars seine Stimme, oder der vielseitige Mohammed Rafi, der gefühlvolle Balladen wie Uptempo-Nummern beherrschte. Kishore Kumar kam in den Fünfziger Jahren hinzu. Er wurde gerne für komische Songs eingesetzt. Er hatte in seiner Jugend eine Platte mit österreichischer Volksmusik bekommen und bereicherte die indische Filmmusik um den Jodler, der zu seinem Markenzeichen wurde.

(Dev Anand spielt und Kishore Kumar jodelt – ebenfalls in Jewel Thief, 1967)

Ende der Vierziger erlebte das Studiosystem seinen Niedergang, denn die Stars verdienten immer höhere Gagen und gründeten selbst Firmen, um ihre Filme zu vermarkten. Von nun an verliehen Schauspieler und einige wenige Regisseure dem indischen Film seine wichtigsten Impulse.

Die Blüte des indischen Kinos hatte aber noch einen anderen Grund: Am 15. August 1947 entließ die britische Regierung den größeren Teil ihrer ehemaligen Kolonie als Dominion of India in die Unabhängigkeit, die Geburtsstunde des heutigen Indien. Mit der Unabhängigkeit ging ein ungeheurer Optimismus einher, und es ist einleuchtend, wie das Kino zum bevorzugten Medium des Landes werden konnte. Denn es erreichte auch das riesige Heer der Analphabeten – 1950 konnten nur 16 % der damals rund 356 Millionen Inder lesen und schreiben. Und das Kino schaffte Gemeinsamkeiten in einem Staat, in dem die Aufteilung nach Kasten, die Aufsplitterung der sprachlichen, ethnischen und religiösen Gruppen enorm war. Dem Kino fiel nicht nur die Aufgabe der Zerstreuung zu, sondern auch, dem Land die Bilder von nationaler Identität zu liefern, die es dringend benötigte. So ist die ungeheure Popularität des Kinos in Indien zu erklären, die in den Fünfzigern ihre volle Ausprägung erreichte: Jedes Kind kannte die Filmsongs, und die Stars wurden und werden bis heute verehrt wie Halbgötter.

In den Fünfzigern gelang dem indischen Kino zudem der seltene Glücks­fall, die Massen zu unterhalten, und trotzdem die immensen sozialen Probleme anzusprechen, die der Aufbruch des Landes in die Unabhängig­keit mit sich brachte. Der Schauspieler und Regisseur Raj Kapoor schuf in seinen Filmen Awaara und Shree 420 („Herr 420“, eine Anspielung auf den indischen Betrugsparagraphen) einen indischen Tramp, in dem sich ebenso Elemente von Charlie Chaplins Figur finden wie ein scharfer Blick auf indische Realitäten. In Shree 420 findet der Tramp trotz Schulabschluß keine Arbeit in der großen Stadt und läßt sich mit Falschspielern ein, um sich endlich die Annehmlichkeiten des Lebens leisten zu können. Dabei geht ihm aber beinahe seine große Liebe, eine einfache Lehrerin, verloren.

Auf dem Weg zu dem im Bollywood-Film unvermeidlichen Happy-End wartet der Film mit einigen bösen Spitzen auf. Nicht nur verkauft der Held seine Ehre an einen Pfandleiher, um sich die nächste Mahlzeit leisten zu können. Auch die Habenichtse, bei denen er sich einen Schlafplatz auf der Strasse erhofft, weisen ihn zunächst ab: Es sei die Straße vor dem Haus eines reichen Mannes, und da könne nun mal nicht jeder schlafen.

Berühmt ist der Film aber auch für seine Musiknummern. Mera Joota Hai Japani singt der Tramp auf dem Weg in die Stadt: „Meine Schuhe sind japanisch, meine Hose ist aus England, die rote Kappe ist aus Rußland, doch mein Herz, das ist indisch.“ Damit eroberte er nicht nur das indische Publikum. Auch im kommunistischen Rußland war man der Aussage zugetan, dass die Reichen die Armen ausrauben und dafür bestraft gehören,  und bejubelte auch dort den indischen Tramp.

(„Meine Schuhe sind japanisch“ – der indische Tramp, Shree 420, 1955)

Dass sich Raj Kapoor von Chaplin anregen ließ, ist kein Zufall. Während man in Europa und Amerika nur indische Autorenfilmer wie Satyajit Ray beachtete und das Bollywood-Kino weitgehend übersah, hatten indische Regisseure, Drehbuchautoren und Komponisten immer Augen und Ohren am Puls der westlichen Kultur. In ihrem unerhörten Eklektizismus saugten sie alles auf, was ihnen interessant erschien, um ein indisches Publikum zu beeindrucken. Dabei vergaßen sie aber nie, das Gefundene an den Geschmack der heimischen Zuschauer anzupassen: Die Heldin des vom amerikanischen Film Noir inspirierten Thrillers Howrah Bridge (1958) ist Barsängerin. Aber anders als die Frauenfiguren des Vorbilds taugt sie nicht als männermordende Femme Fatale. Sobald sie dem Helden einmal tief in die Augen gesehen hat, ist es um sie geschehen, und sie bittet ihn sofort, sie zu retten – was er innerhalb der nächsten zwei Stunden tut. Und natürlich wird auch in diesem indischen Film Noir ausgiebig gesungen und getanzt.

Während andere Regisseure die Musiknummern oft willkürlich platzierten, war Guru Dutt berühmt dafür, sie besser als andere in die Handlung zu integrieren. Im Jahr 1957 kam sein Meisterwerk Pyaasa (Durst) heraus, die Geschichte eines verkannten Dichters, der erst berühmt wird, als alle ihn für tot halten. Trotz des pessimistischen Grundtons wurde der Film ein riesiger Erfolg. Doch als sein nächster Streifen Kaagaz Ke Phool (Papierblumen) 1959 an den Kinokassen floppte, nahm das Dutt so mit, dass er nie wieder bei einem Film Regie führte. Und auch die Affäre mit seiner Hauptdarstellerin Waheeda Rehman, deretwegen  er seine Frau verließ, hielt nicht lange. 1964 nahm sich Bollywoods tragisches Genie das Leben. Er blieb eine Ausnahme, ein Filmkünstler im Mainstream-Kino, der groß siegte und ebenso groß scheiterte.

(Gulabo [Waheeda Rehman] verführt Vijay [Guru Dutt] in Guru Dutts Pyaasa, 1957)

Sein Kollege und Freund Dev Anand legte die dauerhafteste Karriere aller Schauspieler in Bollywood hin. Bis in die Siebziger feierte er Erfolge als Hauptdarsteller, und bis zu seinem Tod 2011 drehte und produzierte er Filme.

(Liebesgeplänkel im Mondschein – Dev Anand und Mala Sinha in Love Marriage [1959])

Im Rückblick wirken die Filme der fünfziger Jahre oft naiv und formelhaft, und doch ist in den Bildern immer noch das Gefühl des Aufbruchs zu spüren. Erst in den Sechzigern wurde das indische Kino durchgehend farbig, bunter, ausgeflippter, aber auch eskapistischer. Doch selbst das knallbunte Bollywood von heute besinnt sich immer wieder auf sein schwarz-weißes Erbe: 2002 wurde der Klassiker Devdas, der schon 1936 ein Hit war, zum sechstenmal verfilmt. Mit Shah Rukh Khan in der Hauptrolle.

(Devdas, 1936)

(Devdas, 2002)

(Dieser Text ist die überarbeitete Version eines unveröffentlichen Zeitschriftenartikels.)

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