Der Fall Mehbooba – Sholay (1975)

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/en/thumb/5/52/Sholay-poster.jpg/220px-Sholay-poster.jpg(C) Filmposter: Sippy Films

„Das ist alles nur geklaut“ sangen die Prinzen vor fünfundzwanzig Jahren, und dachten dabei bestimmt nicht an diese Bollywood-Nummer, die beim ersten Anschauen ausgesprochen indisch wirkt.

(„Geliebte, Geliebte!“ – Jalal Agha schmachtet Helen an, aus: Sholay)

Mehbooba Mehbooba ist eine klassische Item Number, eine Musiknummer also, die mit einer verführerischen Frau und schmissiger Musik glänzt, aber mit der eigentlichen Handlung wenig zu tun hat. Sie soll das Publikum bei Laune halten, und das Gefühl vermitteln: Liebes Publikum, wir tun alles, damit ihr drei Stunden im Kino Spaß habt.

Ungewöhnlich, dass das Ganze am Lagerfeuer stattfindet, nicht in irgendeinem Club, in den sich die Heldinnen oder Helden sonst unweigerlich verirren. Nein, diesmal sind wir in einem „Curry-Western“, hier macht der Zirkus halt beim bitterbösen Banditen Gabbar Singh, der eine ausdrücklich sadistische Ader hat und einfach fremde Menschen und eigene Mitarbeiter umbringt, wenn sie ihm nicht in den Kram passen. Nirgendwo im Film wird erklärt, wie der Herr mit der Klampfe (Jalal Agha) und die Frau im knappen Outfit (Bollywood-Chef-Vamp Helen) ins abgelegene Felsenlager gekommen sind und warum sie dort musikalisch zur Entspannung der Banditen beitragen. Wenn die Nummer vorbei ist, verschwinden sie aus dem Film. Und niemand im indischen Kino hat das je gestört.

Ungewöhnlich auch, dass die beiden Helden des Films, gespielt von Amitabh Bachchan und Dharmendra, Sprengladungen deponieren, die dann pünktlich zum Höhepunkt explodieren. Also eine item number, die dann doch in die Handlung integriert ist. Und jedesmal, wenn ich die Nummer ansehe, befürchte ich wider alle Vernunft, dass das Dynamit hochgeht, bevor Helen mit der Nummer fertig ist.

Das Ungewöhnlichste an Mehbooba: der Sänger, der nicht wirklich singen kann, das aber auf unnachahmliche Weise tut. Der Herr heißt Rahul Dev Burman, er ist der Komponist des Filmsongs, und es ist nicht das erste Mal, dass er singt. Im Klassiker „Piya Too Ab Too Aaja“  ist er es, der „Monica, oh my darling“ knarzt, worauf sich Helen sofort den Rock vom Leibe reißt, in ekstatische Tänze ausbricht und am Ende mit ihrem Kerl zu Boden sinkt. Für Mehbooba Mehbooba wurde er gar als bester Sänger beim indischen Oscar, dem Filmfare Award, nominiert.

Das alles wäre eine tolle Erfolgsgeschichte, wenn  da nicht der Vorwurf (zugleich Anlass diverser Kommentare bei Youtube) wäre , dass dieser Hit geklaut ist.

Geklaut?

Ja, bei Demis Roussos.

Demis Roussos?

Menschen unter Vierzig wird das nichts mehr sagen, aber die Vor-Internet-Generation kennt ihn noch, den beleibten Mann, der in den Siebzigern in Wallegewänder gehüllt im deutschen Fernsehen Schnulzen sang wie Goodbye My Love Goodbye. Wenn man den entsprechenden Schlager bei Youtube aufruft, es ist offensichtlich: Das ist dasselbe Lied. Nur ohne Lagerfeuer, ohne Helen, ohne den Mann an der Klampfe. Dafür mit Herr Roussos im Wallegewand und mit Killerbongos in der Live-Version. Und definitiv 1974 erschienen, als B-Seite der Single, My Only Fascination. Also ein Jahr vor Mehbooba.

Zeter! Mordio! Plagiat! R.D. Burman oder „Pancham“, wie er genannt wurde, steht im Ruf, sich gern bei westlichem Liedgut bedient zu haben. Ihn selbst kann man nicht mehr dazu befragen, denn er starb schon 1994.

Der Fall scheint klar. Diebstahl bewiesen. Der Plagiator überführt.

Doch so einfach ist die Sachlage nicht.

Denn wenn man weitere Kommentare liest auf Youtube, dann weisen Ahmed Ahmed, Kampouras 325 und andere darauf hin, dass auch Demis Roussos dieses Lied geklaut hat. Von einem zypriotischen Volkslied, „Ta Rialia“, in dem es auch um die Liebe geht, aber vor allem: ums Geld. Dass man als armer Schlucker ganz schön Ärger kriegen kann, wenn man die schöne Tochter des Bürgermeisters küsst. Der griechische Sänger Michalis Violaris feierte 1973 einen dicken Erfolg mit dem Lied. Auf der Musikseite Discogs steht denn auch in den Credits des Songs von Demis Roussos: „Traditional, adapted by R. Costandinos, S. Vlavianos“

(„Ta Rialia“/“Das Geld“, gesungen von Michalis Violaris, 1973)

Also ein Volkslied. Und damit kein Fall mehr für die Plagiatspolizei.

In der Kommentaren beharken sich die Anhänger der Fraktionen dennoch gerne, welche Version denn nun die Beste sei. Ich für meinen Teil habe eine salomonische Entscheidung gefällt: Jedem das Seine. Ich finde die indische Version am schönsten. Mich stört es nicht im geringsten, wenn Herr Burman auf vorhandenes Liedgut zurückgreift und daraus einen mordsmäßigen Filmschlager produziert. Denn Burman hat nicht nur geklaut, sondern vor allem was draus gemacht. Einen Klassiker in einem Klassiker. Der Film Sholay ist nicht ohne Grund einer der berühmtesten indischen Streifen aller Zeiten: ein klassisches Masala Movie, in dem sich mehrere Genres treffen: Western und Buddy-Movie mit zwei grandiosen Hauptdarstellern, mit der Kajal-Königin Hema Malini, die umwerfend die Quasselstrippe Basanti gibt, die für den Geliebten im Ernstfall bis zum Umfallen tanzt. Und nicht zuletzt Amjad Khan als Gabbar Singh, der fieseste Bandit, der je unter der indischen Sonne Leute umbrachte. Das war die Rolle seines Lebens, und zu meinem großen Bedauern hat er danach nichts mehr in dieser Liga geschafft.

Wer mehr über die musikalischen Unterschiede zwischen den Versionen nachlesen will, dem liefert dieser englischsprachige Artikel in der Navhind Times alle Fakten.

Ansonsten halten wir uns an den Klassiker: Sholay gibt’s auf DVD bei Rapid Eye Movies, dem deutschen Zentrallieferanten für Bollywoodstoff. Auf Hindi mit deutschen Untertiteln. Was sowieso viel schöner ist, wenn Dharmendra im Original brüllt: „Basanti In Kutton Ke Samne Matt Nachna!“ – „Basanti, tanz nicht für diese Hunde!“


Sholay (1975)

Regie: Ramesh Sippy

Drehbuch: Salim-Javed (Salim Khan und Javed Akthar)

Darsteller: Amitabh Bachchan, Dharmendra, Hema Malini, Sanjeev Kumar, Amjad Khan, Jalal Agha, Helen

Musik: Rahul Dev Burman
Texte: Anand Bakshi
Playback-Sänger: Lata Mangeshkar, Kishore Kumar, Manna Dey, Rahul Dev Burman

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