Mere Saamne Waali Khidki – Padosan (1968)

padosan

( (C) Ultra India)

Der Mann ist ein netter Kerl, aber eher einfach gestrickt. Als er sich in die kapriziöse Nachbarin verguckt, die er täglich am Fenster gegenüber sieht, ist er schnell am Ende seiner Flirtkapazitäten angelangt. Er will ihr ein Ständchen bringen, aber leider singt er wie ein wiehernder Esel. Da muss der Leiter seiner Theatergruppe helfen. Er leiht dem Mann seine Stimme, damit er die Frau von nebenan anhimmeln kann. Und siehe da, die Serenade bleibt nicht ohne Wirkung: Die Herzdame ist auf einmal interessiert.

Das klingt verdächtig nach Cyrano de Bergerac, einem Versdrama von Edmond Rostand, das inzwischen unzählige Male aufgeführt und verfilmt worden ist. Im Fernsehen lief in den Siebzigern eine Aufzeichnung aus dem Thalia-Theater, Boy Gobert duellierte sich mit angeklebter Riesennase, später brillierte Gérard Depardieu als Säbelrassler und Worterfinder, dessen große Liebe unerfüllt bleibt.

Aber hier sind wir in Indien, und in der Bollywood-Version geht es nicht um das „gefühlvolle Monster“ Cyrano, sondern um die Wirrungen der romantischen Komödie, um Bhola (Sunil Dutt) und Bindu (Saira Banu), die zueinander finden sollen.

Aus diesem durchaus schlichten Stoff ist Padosan (Nachbarn) gewirkt, und dennoch entstand daraus eine Filmperle. Das Kabinettstückchen in einem Film voller Kabinettstückchen ist „Mere Saame Waali“.

Denn Produzent Mehmood, der selbst den durchgedrehten Musiklehrer und Verehrer von Bindu spielt, und Hauptdarsteller Sunil Dutt ließen Kishore Kumar freien Lauf. Kumar zelebriert seine Rolle als „Guru Vidyapathi“ mit einer Leidenschaft, die anzusehen eine einzige Freude ist. Mit Schmalztolle und rollenden Augen hüpft, tanzt, swingt und singt er, motiviert seine Mitstreiter, linst um die Ecke und blinzelt. Er ist der Cyrano dieser Szene, der den Liebesmotor zum Laufen bringt, indem er Bholas Leidenschaft Worte gibt: Wie ein Stück des Mondes ist Bindu, die nebenan wohnt, aber fern bleibt. Auf nichts mehr kann sich der Verliebte konzentrieren, seit er sie angesehen hat. Er vergaß, seine Lampe anzuzünden, der Regen kam, die Wolken gingen, aber wegen eines Blick von Bindu blieb Bhola durstig. Und er fragt sich, wann der Durst seiner Augen gelöscht werden kann.

Während Mere Samne Waali erstmal fabelhafte Unterhaltung ist, erweist sich die Konstruktion bei genauerem Hinsehen als ziemlich komplex. Da singt der Guru für seinen Schüler, während er sich mit seinen Musikern verborgen hält. Aber wir sind in Bollywood, und natürlich geschieht der Gesang zum Playback. Das Playback stammt in diesem Falle vom Schauspieler selbst, von Kishore Kumar. Also: Der Schauspieler Kishore Kumar bewegt die Lippen zu einem Song, den der Sänger Kishore Kumar vorher eingesungen hat, er leiht sich also selbst eine Stimme aus, während er in der Filmszene einem Anderen seine Stimme leiht.

Das klingt nach postmoderner Konzeptkunst. Aber zum Glück geht das Selbstreflexive wie fast immer in Bollywood in bloßer Freude am Spiel auf. Padosan wird bis heute als Komödienklassiker geschätzt. Für Filmkomiker Mehmood blieb das „ehrgeizige Abenteuer“ (so der Vorspann) sein erfolgreichster Versuch als Produzent. Sunil Dutt ging später in die Politik und saß lange für die Kongresspartei im Parlament. Kishore Kumar bekam keine weiteren Angebote für ähnliche Rollen, wohl, weil andere Stars fürchteten, er könne ihnen die Show stehlen. Im Jahr, nachdem Padosan herausgekommen war,  starb Kumars Frau Madhubala, ein großer indischer Filmstar, mit nur 36 Jahren an einer chronischen Herzkrankheit. Im Herbst 1969 erschien „Aradhana“, der Rajesh Khanna zum Superstar machte und Kishore Kumar nach fast zwanzig Jahren als Bollywood-Underdog als Nummer Eins unter den Playbacksängern etablierte.

Mere Saamne Waali Khidki
Komponist: R.D. Burman
Text: Rajender Krishan
Sänger: Kishore Kumar
Schauspieler: Sunil Dutt, Saira Banu, Kishore Kumar

Padosan in der Internet Movie Database

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