Üppige Sehnsucht – Talash (1969)

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(Ein tanzender Flamingo bringt Herren in Verlegenheit; Helen in Talash (c) Shemaroo Entertainment)

Ist dies eine tragische Geschichte? Der möglicherweise tragische Held ist zugleich Komiker, und er heißt O.P. Ralhan. Er war Schauspieler, Autor und Regisseur, und der Beitrag soll an ihn erinnern, denn er starb vor genau zwanzig Jahren, am 12. Januar 1997. Das ansonsten recht geschwätzige Internet nennt „Indien“ als Geburts- und Sterbeort, schweigt sich aber darüber aus, wo genau und woran er gestorben ist. Auch sonst findet man im Netz überraschend wenig über ihn.

Doch hat er bei einigen Filmen Regie geführt, und einer von ihnen verkörpert mich wie wenige andere das Grandiose und die Schwächen des klassischen Bollywoodfilms: Talash (Sehnsucht) von 1969. O.P. Ralhan führte nicht nur Regie, er produzierte den Film auch und schrieb das Drehbuch. Talash handelt von Rajkumar

(gespielt von Schauspieler Raj Kumar, kein Witz!), der in der Firma von Ranjit Rai nach anfänglichen Problemen Karriere macht. Bei einem Urlaub in Nordindien verliebt er sich in die bezaubernde Gauri (Sharmila Tagore) und verspricht ihr, sie binnen eines Jahrs zu heiraten.

(Nordindische Folklorenummer à la Bollywood)

Nach seiner Rückkehr wird er überraschend Partner in der Firma und soll Madhu, die Tochter des Chefs, heiraten, die Gauri verflucht ähnlich sieht, aber ein „westernized girl“ ist, eine Inderin, die im Westen aufgewachsen ist und dort ausgebildet wurde (gespielt ebenfalls von Sharmila Tagore). Raj weiß nicht mehr aus noch ein, ob er sich für Liebe oder Karriere entscheiden soll, taumelt von einem Dilemma ins  nächste, zumal ihm Madhu sehr zugetan ist. Rajs Freund Lachchu (der Regisseur als komischer Sidekick) ist auch keine große Hilfe. Er hat keine Lust, die Firma des Vaters zu übernehmen und verliebt sich in die Tänzerin Rita, die ebenfalls tief in Problemen steckt.

(Bergmanneske „Szenen einer Vorehe“)

Soweit die Ausganglage.

(Musik und Tanz in klassisch indischer Manier)

Ralhan nutzt den Plot als Steilvorlage für eine opulente Drei-Stunden-Extravaganz, Sets und Kostüme sind verschwenderisch ausgestattet, und musikalisch lässt der Film keine Wünsche  offen. Komponist und Altmeister Sachin Dev Burman (1906-75) singt zweimal selbst, klotzt mit einer nordindischen Folklorenummer à la Bollywood, zwei Liebesduetten zwischen Raj und Gauri, dem an klassischer indischer Musik und klassisch indischem Tanz orientiertem Titelstück, einer bergmannesken „Szenen einer Vorehe“-Nummer, in der Madhu und Raj sprachlos umeinander schleichen, und gleich zwei item numbers mit Helen. In der ersten flattert sie wie ein Flamingo im knappen Zweiteiler auf die Bühne und bringt die anwesenden Herren in Verlegenheit. Lachchu gibt vor Begeisterung eine Runde Champus nach der anderen aus, bis er betrunken zusammenbricht. Nicht nur wechselt Helen zweimal das Kostüm, zwischendrin kann man auch noch bestaunen, wie zahlreiche anwesende Damen den Hauptdarsteller betanzen, weil sie ihn irrtümlich für einen Prinz halten (Der indische Vorname Raj bedeutet: „Prinz“).

Für diese Nummer dürfte S.D. Burmans Sohn Rahul Dev verantwortlicht sein, der hier als Assistent seines Vaters musiklaisch die moderne Seite Bollywoods zelebriert. Die zweite Nummer ist  zugleich elegant und beklemmend: Hier besingt Miss Rita (wieder Helen) ihre Sehnsucht  und tanzt in einem formschönen Glitzerkleid, und auch die Decke des Sets ist mit Spiegelfacetten dekoriert, so dass sich die  Tänzer in Kaleidoskop-Fetzen auflösen. Die männlichen Tänzer, obwohl in feine Dinnerjackets gekleidet, werden immer zudringlicher und schubsen Miss Rita aggressiv herum, bis sie stürzt – und Lachchu erblickt, der für sie Partei ergreift. Doch auf dem Höhepunkt des Zwiegesangs entdeckt Miss Rita einen zwielichtigen Mann mit Zigarette, der an einer Säule lehnt, und verschwindet wie unter Schock von der Bühne. Selten hat ein Bollywood-Clip so treffend das ambivalente und latent aggressive Machoverhalten indischer Männer auf den Punkt gebracht.

Das alles spricht für Talash, und der Film wäre  einer meiner unbestrittenen Lieblingsfilme, wenn er nicht zwei eklatante Schwachpunkte hätte: Der erste ist der Regisseur selbst, der sich als komischer Sidekick besetzt, aber viel zu alt für die Rolle ist und mit 45 die Wirrungen eines Anfang Zwanzigjährigen mimt. Der zweite Schwachpunkt ist die Auflösung des Verwirrspiels. Wir erinnern uns, Raj war hin- und hergerissen zwischen zwei gegensätzlichen,  aber gleichermaßen schönen wie charmanten Frauen. Am Ende entpuppen sich aber Gauri und Madhu als ein und dieselbe Person. Chef und Tochter wollten „nur“ den zukünftigen Ehemann auf die Probe stellen. Dass in jedem psychologisch halbwegs glaubwürdigen Film der dermaßen gefoppte Aspirant schreiend das Weite suchen würde, ignoriert Ralhan einfach. Fertig ist ein formelhaftes Happy End à la Bollywood.

Nun gut, könnte man einwenden, Wim Wenders hat zum Beispiel bei „Der Himmel über Berlin“ ein ähnliches Storydebakel abgeliefert, und in gewisser Weise könnte man O. P. Ralhan als Autor, Regisseur und Produzent in Person auch als Autorenfilmer bezeichnen, dem offensichtlich eine Kontrollinstanz fehlte. Trotzdem hat mich das Ende kapital gestört. Doch es hat es mich zu der Erkenntnis gebracht, dass meine Erwartung wahrscheinlich eine sehr westliche Sicht der Dinge ist. Im klassischen Bollywoodfilm geht es nicht um ausgefeilte Charaktere mit psychologischer Tiefe. Die Entwicklung der Geschichte ist nicht der wesentliche Motor des Films, sondern die Folie, auf der dem Zuschauer unterschiedliche Sensationen und Gefühlszustände dargeboten werden. Es gibt in Indien die circa 2000 Jahre alte Kunsttheorie von den acht Rasas (Liebe, Humor, Ekel, Zorn, Mitgefühl, Heldentum, Schrecken, Erstaunen), die idealerweise in einem Kunstwerk  verdichtet Ausdruck finden. Charakteristisch für die Darstellung sind zum Beispiel die Gesten und Gesichtsausdrücke beim klassischen indischen Tanz.

Diese Theorie beeinflusst aber  nicht nur bis heute den indischen Tanz, sondern auch das Kino. Sie gibt einen Hinweis darauf, warum westliche Zuschauer indische Filme oft als episodisch und weitschweifig empfinden – für den indischen Zuschauer ist das anscheinend gewollt und gut.

Für mich ist Talash am Ende keine tragische Geschichte, sondern ein „flawed masterpiece“, ein Meisterwerk mit Fehlern, die man nicht vergessen sollte, angesichts seiner Stärken aber akzeptieren kann. Eine der wenigen Trivia, die man zu Talash erfahren kann, ist, dass Ralhan offenbar Raj Kumar als Hauptdarssteller gewinnen konnte, weil der mit seiner Schwester verheiratet war. Wieder einmal entpuppt sich Bollywood als Familienangelegenheit – auf der Leinwand und dahinter.

Talash

Regie, Drehbuch, Produktion: O.P. Ralhan
Musik: S.D. Burman/R.D. Burman
Texte: Majrooh Sultanpuri
Darsteller: Raj Kumar, Sharmila Tagore, O.P. Ralhan, Helen, Balraj Sahni
Playbacksänger: Asha Bhosle, S.D. Burman, Manna Dey, Mahendra Kapoor, Lata Mangeshkar, Mohammed Rafi

Talash in der Internet Movie Database

Talash ist als DVD nach meinen Recherchen derzeit nicht erhältlich.
Auf Youtube gibt es eine um 20 Minuten gekürzte Version ohne Untertitel

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