Aus den Annalen des Schwarz-Weißen James I

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Frau vor Stromschnellen (Shakila in Ustadon ke Ustad, 1963, ((C) Shemaroo)

In der Musik-Ära vor Spotify waren Sampler ein fabelhafter Weg, neue Musik zu entdecken. Würde ich den fabelhaften Song „Vaults“ der norwegischen Band Mount Washington kennen, wenn nicht das Label der Band, Glitterhouse, einen Gratis-Sampler veröffentlicht hätte? Wie hätte ich Was (not Was) oder Material entdecken können, wenn nicht auf Mutant Disco, neulich wiedergehört/wiedergekauft? Oder das abstruseste, genialste Meisterwerk aller Sampler, Miniatures von Morgan Fisher, das 37 Jahre nach seiner Veröffentlichung ein beeindruckendes Nachleben im Netz entwickelt hat?

Sampler boten die fabelhafte Chance, alles mal Probe zu hören und etwas Neues zu entdecken. Die indische Variation des Samplergedankens sind Sampler mit Songclips. Das sind oft Kompilationen aktueller Hits als Video, oder ein Best of eines Playbacksängers. Oder die schönsten Songs eines bestimmten Schauspielers. Wer also alle Hits von Shammi Kapoor haben möchte, wird meistens fündig.

Ich wurde auch fündig, bei einem Sampler mit schwarzweißen Songclips: Black And White Gems. Irgendwer in der Postproduktion scheint das mit den Juwelen nicht verstanden zu haben, denn mein Computer zeigt immer „blackandwhitejames“ an, wenn ich die DVD einlege. In der Sammlung des schwarzweißen James  fand sich dieser Song:

„Sau baar janam lenge“,  singt Mohammed Rafi: „Hundert Mal werden wir geboren, hundert Mal sterben wir, aber das kann uns nicht trennen.“ Eine Frau sucht vor der Kulisse eines wilden Stroms nach ihrem Mann, der für tot gehalten wird. Aber sein Gesang versichert ihr, dass sie sich wiedersehen werden, und nachdem sich mehrmals seine Silhouette wieder in Luft aufgelöst hat, ist er schließlich doch in Person da, und mit einem  Erschreckensschrei werden wir aus diesem filmischen Traum (oder Alptraum) geweckt.

Leider habe ich bisher nicht recherchieren können, wo die Szenen gedreht wurden. Aber  die Mischung ist suggestiv: die atemberaubende Kulisse, die Schwarzweißfotografie mit dem kontrastreichen Film Noir-Licht, die Musik, die ein wenig nach Horrorfilm klingt. Und nicht zuletzt ist der Gesang von Mohammed Rafi intensiv und sehr stimmungsvoll. Der Journalist Ajay Mankotta hält den  Komponisten des Soundtracks, Ravi, für den unterschätztesten aller indischen Filmkomponisten. Seine Lieder werden auf jeder indischen Hochzeit gespielt, aber ihn kennt kaum jemand.  Zu diesen Widersprüchen passt auch, dass der Song recht berühmt ist, aber der Film, aus dem der Song stammt, Ustadon ke Ustad (Meister der Meister), als „eminently forgettable“ gilt. Von Hauptdarsteller Pradeep Kumar habe ich bislang keinen Film gesehen und verspüre bislang auch keine große Sehnsucht, das nachzuholen. Shakila hatte einen prägnanten Auftritt als Gangsterbraut im Guru Dutt-Thriller Aar Paar (1954), ebenfalls sehr vom Film Noir beeinflusst.

Melancholische Gangsterbraut (Shakila in Aar Paar, 1954)

Regisseur Brij hat einige mittelbekannte Filme in seiner Werkliste, die Thriller Night in London (1967) und Yakeen (1969) und die Komödie Bombay 405 Miles (1980). Aber für dieses One-Hit-Wonder der indischen Filmgeschichte sind offenbar alle über sich hinausgewachsen.

Vor fünf Jahren, am 7. März 2012, starb Komponist Ravi im Alter von 86 Jahren.

Ustadon ke Ustad in der Internet Movie Database.

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